Walter Krämer

Band 1
Ausgabe 1
08.05.1945


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Geschichte der KPD in Hameln

Carl Hölscher
Otto TölleAlbert SohrKommunisten im Zuchthaus Hameln

Der RFB

Geschichte der DKP Gruppe Hameln

Aktuelles
Neue Hamelner Volksstimme

Der Kommunist Walter Krämer

Ausgezeichnet von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als "Gerechter unter den Völkern" Das Konzentrationslager Buchenwald, so berichtete rückblickend der ehemalige jüdische Häftling Artur Radvansky, hätte er nie überlebt, wenn Walter Krämer nicht gewesen wäre. Der Kommunist Krämer, von Beruf eigentlich Schlosser, hatte sich als Pfleger im Krankenbau des Lagers medizinische Kenntnisse angeeignet und Artur Radvansky, dem die SS, weil er Jude war, ärztliche Betreuung verweigerte, zweimal das Leben gerettet. Radvansky hatte erfrorene Zehen, und als Krämer erkannte, daß sie operiert werden mußten, ließ er ihn als Leiche getarnt zum Häftlingskrankenhaus überführen, wo er den medizinischen Eingriff in einer Kammer vornahm. Dann versteckte er den Operierten für einige Tage. Im zweiten Fall hatten die KZ-Schergen Radvansky 25 Schläge mit einem Ochsenziemer verabreicht. Die Wunden infizierten sich, sie vereiterten, Zeichen einer Blutvergiftung stellten sich ein, Radvansky bekam hohes Fieber. Im letzten Moment führte Krämer erneut eine Operation durch. Auf diese und andere Weise rettete der illegale "Arzt von Buchenwald" einer unbekannten Zahl von Insassen des Konzentrationslagers, darunter vielen Juden, das Leben. "Walter Krämer wurde am 6. November 1941 'auf der Flucht erschossen', weil er sich weigerte, über sowjetische Kriegsgefangene das Todesurteil "Tbc-krank" zu verhängen". ("Unsere Zeit - Zeitung der DKP") Die Einrichtungen des DDR-Gesundheitswesens, die seinen Namen trugen, heißen heute, da die friedlich betende Revolution von 1989 ihre demokratisierende Wirkung getan hat, "Klinikum Suhl" oder "Kreiskrankenhaus". Als dann der Bericht Artur Radvanskis nach Israel gelangte, beschloß die Gedenkstätte Yad Vashem die Auszeichnung Walter Krämers als "Gerechter unter den Völkern". Vor drei Jahren, am 11. April 2000, dem 55. Jahrestag der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, überreichte der Gesandte Israels, David Walzer, in der Geburtsstadt Krämers, in Siegen, dessen Angehörigen eine Medaille und eine Urkunde. In der kleinen Feierstunde sagte der Repräsentant Israels, der Geehrte sei einer gewesen, "der wußte, was gerecht und was ungerecht ist". Auf seinen Namen pflanzte die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem einen Baum im "Garten der Gerechten". Der Nachfolgestaat des 3. Reichs zeichnete Walter Krämer auf eigene Weise aus. Sein Personal suchte in den neunziger Jahren nachhaltig ein offizielles "Gedenken" an den Antifaschisten zu verhindern. Karl Wilhelm Kirchhof, sozialdemokratischer Bürgermeister in Siegen, meinte, Krämers "politisches Engagement für die KPD ließe eine angemessene Bewertung seiner unbestritten herausragenden Leistungen im KZ Buchenwald nicht zu". (http://privat.wolnet.de/dll/archiv/kraemer.html) Walter Krämer, Deserteur im Ersten Weltkrieg, Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats, Ruhrkämpfer wider den Kapp-Putsch, beteiligt am Aufbau der Kommunistischen Partei in seiner Geburtsstadt Siegen, Funktionär in Krefeld, Kassel, Wuppertal und Hannover, zuletzt Abgeordneter für die KPD im Preußischen Landtag der Weimarer Republik, verhaftet gleich nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933, hat solch' anhaltend auszeichnende Abneigung verdient. Die Ehrungen des Nachfolgestaates des Dritten Reichs, dessen Bundeskanzler ein Photo des Vaters in Wehrmachtsuniform mit Stahlhelm und Hakenkreuz auf dem Regierungsschreibtisch stehen hat, die "Gedenkkultur" dieses Staates, und sei es die Benennung eines Siegener Krankenhauses oder einer Siegener Straße nach seinem Namen, wie von Linken gefordert, hat Walter Krämer nicht verdient.


Hameln

Genosse Walter Krämer war vom 22.1.1935 bis 17.10.1935 im Strafgefängnis Hameln. Danach wurde er in das Gerichtsgefängnis Hannover überführt, wo er im Januar 1937 in das KZ Lichtenburg und dann nach Buchenwald verschleppt wurde.
 


Erinnern


Nur wenigen Menschen in Siegen ist der Name Walter Krämer bekannt, obwohl es schon in den 80-er Jahren verschiedene Bemühungen gab, ihn durch die Stadt Siegen offiziell ehren zu lassen. Alle Initiativen scheiterten bisher am Widerstand der etablierten Parteien, die sich schlicht weigerten, die Taten Krämers zu würdigen, weil er sich bis zu seiner Ermordung durch die SS stets zur kommunistischen Idee bekannte.


Initiative Walter-Krämer-Platz


1997 forderte eine Initiative, -bestehend aus aus der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland e.V., der SJD-"Die Falken" und dem von DLL und sozialistischen Schwesterorganisationen getragenen AStA der GH Siegen-, den neu geschaffenen Sparkassenvorplatz nach Walter Krämer zu bennenen. Krämer hatte mit seiner Ehefrau in der angerenzenden Straße gewohnt. Doch auch dieses Vorhaben scheiterte. Laut Bürgermeister Karl Wilhelm Kirchhöfer (SPD), weil "sein politisches Engagement für die KPD eine angemessene Bewertung seiner unbestritten herausragenden Leistungen während seiner Haft im KZ Buchenwald nicht zuließe." (Zitat in einem 15 minütigen Fernsehbericht des WDR über das Leben Walter Krämers)


Artur Radvansky:
"Ein leuchtender Stern in der Hölle von Buchenwald."


Im Juni 1997 war Herr Artur Radvansky aus Tschechien zu Gast in Siegen. Er war selbst in Buchenwald inhaftiert und konnte am eigenen Leib erfahren, welch herausragende Persönlichkeit Walter Krämer war. Nicht nur, daß Krämer ihm durch zwei Operationen das Leben gerettet hat, er war auch immer für ihn da, wenn ihn der Hunger plagte oder er zu verzweifeln drohte. Herr Radvansky betonte, es sei ihm unverständlich, daß sich in Siegen niemand an diesen großartigen Menschen erinnern möchte, obwohl man doch eigentlich so stolz auf ihn sein könne. Der Einladung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit folgte keines der persönlich angeschriebenen Ratsmitglieder.


Yad Vashem


Angeregt durch die neuerlichen Auseinandersetzungen um die Person Walter Krämers stellte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit 1999 den Antrag an die zentrale Holocaust-Gedenkstätte in Israel -Yad Vashem-, ihm den Titel "Gerechter der Völker" zu verleihen. Der Antrag wurde Anfang 2000 positiv beschieden. Diese Auszeichnung ist die höchste Ehrung, die der Staat Israel an Nichtjuden vergibt. In einer Feierstunde im Gläsersaal der Stadt Siegen wurde sie im Januar 2000 Verwandten Kräers überreicht.


Walter-Krämer-Krankenhaus


Die Sozialistische Jugend hat ihre Forderung nach einer öffentlichen Würdigung Krämers inzwischen mehrfach erneuert. In verschiedenen Schreiben an die Kreistagsfraktionen und den Oberkreisdirektor forderte sie auf, Stellung zu einer Anregung zu beziehen, das Haus Siegen des Kreiskrankenhauses. in Walter-Krämer-Krankenhaus umzubenennen bzw. mit diesem Namenszusatz zu versehen. Antworten auf diese Schreiben blieben entweder ganz aus oder hatten einen ausweichenden Charakter.

Die Menschen, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben, verdienen unsere Anerkennung. Der Widerstand von Kommunistinnen und Kommunisten kann dabei nicht länger ausgespart bleiben. Ein Mensch wie Walter Krämer darf kein Vergessener bleiben. Er hat Leben gerettet und sich mit unbeschreiblicher Energie der Barbarei des Nationalsozialismus widersetzt. Zuletzt mußte er seine Überzeugung mit dem Leben bezahlen. Seine Taten müssen heute Beispiel für uns sein.


Grab von Liesel Krämer und der Urne Walter Krämers auf dem Siegener Friedhof "Hermelsbach"
 
Literatur:
Klaus Dietermann/Karl Prümm: "Walter Krämer - von Siegen nach Buchenwald." (Siegen 1986). Erhältlich in allen Siegener Buchhandlungen oder direkt bei der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Siegerland e. V., Häutebachweg 9, 57072 Siegen.

Bodo Ritscher: "Arzt für die Häftlinge." Weimar/Buchenwald (1988).


Willy Schmidt Frankfurt am Main
Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Ermordung Walter Krämers

Siegen, den 6. November 2001

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren, Kameradinnen und Kameraden!

Deutschland im Krieg - das läßt bei einem alten Antifaschisten wie mir dunkle Erinnerungen aufkommen. Als junger Mensch erlebte ich, wie schwer die ökonomischen und politischen, vor allem aber auch die seelischen Folgen des Ersten Weltkrieges in den Menschen und der Gesellschaft nachwirkten. Auf den Straßen sammelten sich bettelnde Kriegsopfer; viele Familien hungerten, weil ihr "Ernährer" auf dem angeblichen "Feld der Ehre" gestorben war; und in den Köpfen sannen Ewiggestrige nach Revanche und Rache.

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg - das war unsere Erkenntnis nach zwölf Jahren Nazi-Terror und fast fünf Jahren Völkergemetzel. Wer damals prophezeit hätte, daß nach zwei von Deutschland angezettelten und zum Glück für die Menschheit verlorenen Kriegen jemals wieder deutsche Soldaten in andere Länder einmarschieren dürften, der wäre für "verrückt" erklärt worden. Angesichts der Millionen Opfer von Faschismus und Krieg wären uns solche Gedanken undenkbar erschienen.

Heute wissen wir es besser: Mahnungen und Erinnerungen wirken nur so lange, wie sie die Menschen zum offenen Widerspruch und zum aktiven Widerstand gegen Krieg und Unterdrückung anregen. Läßt dieses Engagement nach, dann bleibt das Feld den Kriegsbefürwortern und Kriegstreibern überlassen. So oder ähnlich muß auch der junge Schlosser Walter Krämer gedacht und gefühlt haben, als er nach der Novemberrevolution 1918 nicht den Weg der Anpassung und des Revanchismus, sondern des Widerstands gegen die herrschenden Verhältnisse und des Kampfes für eine gerechtere Welt wählte.

Walter Krämer war kein Pazifist. Als Freiwilliger der kaiserlichen Marine seit 1911 und Soldat seit Beginn des Ersten Weltkrieges folgte er dem nationalistischen und chauvinistischen Geist jener Zeit. Damit zeigte er seine Bereitschaft, die vom deutschen Kaiser unverhohlen proklamierten Gebietsansprüche mit Waffengewalt durchzusetzen. Doch nicht nur die sich anbahnende militärische Niederlage machten aus ihm einen Kriegsgegner. Nein, dafür sorgten auch die bei der Marine offen zutage tretenden Klassengegensätze: auf der einen Seite die Mannschaften mit schwerem Dienst; und andererseits die Offiziere, die auch im Krieg keinen Luxus entbehren mußten.

Von der Erkenntnis bis zur Tat ist häufig nur ein kleiner Schritt. Und der fiel dem Matrosen Walter Krämer offenbar nicht schwer, weil er sich und seinesgleichen im Recht und solidarisch wußte. Die Verweigerung des militärischen Gehorsams und spontane Protesten waren erste Formen des Widerstands, der Einbruch in ein Lebensmitteldepot der Offiziere eine "befreiendes" Aufbäumen gegen die institutionalisierte Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Dafür ging er im Sommer 1917 für sechs Wochen ins Gefängnis.

Der nächste Konflikt mit dem Gesetz folgte dem ersten auf dem Fuße: Wegen seiner Beteiligung an den Aufständen der revolutionären Matrosen wurde Walter Krämer erneut zu einer Haftstrafe von mehr als einem Jahr verurteilt. Die Novemberrevolution brachte ihm 1918 die Freiheit. Damit begann für ihn eine neue Phase des Lebens, in der er sich zu einem engagierten und unbeugsamen politischen Kämpfer für die Interessen der abhängig Beschäftigten und gegen die erstarkenden Nazis entwickelte.

Der Weg führte ihn über den Siegener Arbeiter- und Soldatenrat zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei und schließlich 1921 in die Reihen der Kommunistischen Partei. Die Wirren der Weimarer Republik und sein konsequentes Verhalten brachten Walter Krämer mehrfach ins Gefängnis. Gleichzeitig wuchsen sein Ansehen und seine Bedeutung in der kommunistischen Bewegung.

Siegen, mehrere Städte des Ruhrgebiets, Kassel, Hannover und Berlin sind die wichtigsten Stationen seines politischen Wirkens. Seinen politischen Höhepunkt in Freiheit erlebte er 1931/32 als Mitarbeiter Ernst Thälmanns im Zentralkomitee der KPD sowie als Abgeordneter im preußischen Landtag und Sekretär der Bezirksleitung Niedersachsen.

Nach dem von den Nazis inszenierten Reichstagsbrand durchlief Walter Krämer viele Prüfungen, die ihn wie zahlreiche Antifaschisten häufig an den Rand des körperlich und geistig Erträglichen führten. Seine Verhaftung in den frühen Morgenstunden des 28. Februars 1933 endete mit einer Verurteilung zu drei Jahren Zuchthaus durch den berüchtigten "Volksgerichtshof", die er in Gefängnissen von Berlin, Hannover und Hameln verbüßte. Anstelle seiner Entlassung verschleppte ihn die Gestapo im Januar 1937 ins Konzentrationslager Lichtenburg. Seit dieser Zeit kannten Walter Krämer und ich uns auch persönlich.

Im KZ Lichtenburg trafen bekannte Vertreter der Linken aus ganz Deutschland zusammen. Wir lagen in großen Sälen und brauchten nicht zu arbeiten. Von den etwa siebenhundert politischen Gefangenen waren neben Walter Krämer etwa weitere fünfzig Spitzenfunktionäre der KPD, die enger zusammenarbeiteten.

Diese illegale Organisation politischer Gefangener hielt in ihren Grundstrukturen auch nach dem Transport ins KZ Buchenwald. Sie bildete dort die Basis für die Fortsetzung des antifaschistischen Widerstands unter der ständigen Beobachtung durch die SS und eine immer gegenwärtige Lebensgefahr für die Aktiven.

Unsere schlagkräftigste Waffe war der Zusammenhalt unter den Häftlingen, der organisierte Widerstand gegen die alltägliche Quälerei und Unterdrückung im KZ durch die SS. Ein Widerstand, der sich vielfältig äußerte: indem der Aufbau des Lagers verzögert, gezielt und organisiert Material vernichtet, weniger gearbeitet und die SS geschädigt wurde.

Ganz besonders wichtig war uns die Sabotage der Rüstungsproduktion. Hermann Göring selbst hatte befohlen, daß die in dem Gustloff-Werk arbeitenden 5.000 Häftlinge monatlich 150.000 Gewehre produzieren sollten. Doch was der "Reichsmarschall" nicht bedachte, war die Tatsache, daß praktisch alle technischen Positionen im Betriebs von zuverlässigen und mutigen politischen Gefangenen übernommen worden waren. Lediglich ein Dutzend Zivilisten kontrollierten uns. So war eine Sabotage großen Stils möglich, indem Zahlen gefälscht und Werkzeuge verändert wurden. Die Rüstungsproduktion erreichte bei weitem nicht die Sollzahlen, sie blieb in aller Regel weit unter 100.000 Gewehren pro Monat.

Auf der anderen Seite schufen wir eine Organisation, die den Widerstand plante und den Häftlingen unter den schwierigsten persönlichen Bedingungen den Rücken stärkte. Je besser es uns gelang, diese "Waffe" zu entwickeln, desto schwerer hatte es die SS, die Häftlinge zu demoralisieren. Leider erreichten wir diese politische Einheit und Einigkeit von Kommunisten und Sozialdemokraten nicht schon vor 1933, sondern erst hinter Stacheldraht.

Die zweite, die entscheidende "Waffe" war die internationale Solidarität. Während die Nazis auch in den KZ und gerade nach Beginn des Zweiten Weltkrieges auf rassistische, fremdenfeindliche Ausgrenzung und das gegeneinander Ausspielen verschiedener Nationalitäten setzten, schufen wir in Buchenwald ein Netz internationaler Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung.

Wir knüpften sehr schnell Kontakt zu den nach Buchenwald verschleppten politischen Häftlingen und Kriegsgefangenen aus anderen Ländern. Dieses bereits in der Weimarer Republik entstandene internationale Bündnis des antifaschistischen Widerstands war nicht zu brechen, weder durch die faschistische Propaganda noch durch den Terror und gezielte Provokationen der SS.

Im illegalen Widerstand im KZ Buchenwald hatte jeder Aktive seine speziellen Aufgaben. Walter Krämer erhielt 1938 den Auftrag, im Häftlingskrankenbau als Krankpfleger anzufangen. Das war keine leichte, sondern eine gewagte Aufgabe. Denn er war ein bekannter KPD-Funktionär, dem die SS grundsätzlich mißtraute. Und jede verantwortliche Tätigkeit konnte bei Nichteingeweihten den Eindruck erwecken, er würde mit der SS zusammenarbeiten.

Gerade Letzteres nutzten in den vergangenen Jahren manche Historiker und Politiker, um den antifaschistischen Widerstand in den Konzentrationslagern, insbesondere in Buchenwald, herabzuwürdigen und die politischen Häftlinge als Handlanger der SS zu diffamieren. An eine solche Infamie der Nachgeborenen dachte 1938 weder Walter Krämer noch die Leitung der illegalen Widerstandsgruppe im KZ Buchenwald.

Für sie war wichtig, daß ein zuverlässiger Gefangener im Häftlingskrankenbau wirkte. Das war im KZ eine der besten "Lebensversicherungen". Denn schon die kleinste Grippe, eine infizierte Wunde oder ein Bruch besiegelten oft das Leben eines Häftlings. Die SS hatte zwar ein großes Interesse an arbeitsfähigen Sklaven, aber sie scherte sich keinen Deut um deren Leben. Sehr häufig mußten von der SS mißhandelte, gequälte und geschlagene Gefangene mit offenen Wunden und Brüchen versorgt werden.

Walter Krämer übernahm die Funktion im Häftlingskrankenbau mit der ihm selbstverständlichen Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit sowie großem Interesse. Und er schlug die SS nicht nur durch eine gezielte Betreuung der Häftlinge, sondern auch durch sein enormes medizinisches Fachwissen. Der Arzt ohne Abitur lernte dies aus Fachbüchern und -zeitschriften, die er sich "organisierte". Vor allem aber auch von jüdischen Ärzten, die er heimlich konsultierte und in seine Arbeit einbezog.

Im Laufe kurzer Zeit hatte er sich solches Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten angeeignet, daß selbst angehende Ärzte der SS bei ihm hospitierten. Diese hatten natürlich nicht die Aufgabe, Leben zu retten; und viele Häftlinge wurden von ihnen zu Tode operiert. Das Ansehen und die Autorität von Walter Krämer waren so gewachsen, daß selbst der SS-Kommandant Koch sich von ihm seine in Norwegen eingefangene Syphilis behandeln und heilen ließ.

Schließlich übernahm Walter Krämer, der alle Operationen selbst durchführen konnte, die Verantwortung für die chirurgische Ambulanz und die stationäre Behandlung auf der chirurgischen Station sowie für die Häftlingsapotheke. Das war bis zu seiner Ermordung ein wichtiger Kampfposten - nicht nur für Walter Krämer selbst, sondern für alle Gefangenen. Er rettete vielen das Leben und die Gesundheit, auch wenn er die Verbrechen der SS an den Kranken nicht verhindern konnte.

Dabei fragte er nicht: "Bist Du Genosse?", sondern er half einfach - Deutschen wie Ausländern. Nach dem Überfall der faschistischen Wehrmacht auf Polen wurden im Oktober 1939 mehr als 2.000 polnische jüdische Häftlinge nach Buchenwald verschleppt. Sie mußten auf offenem Feld kampieren. Die SS hätte diese Menschen verhungern und erfrieren lassen. Doch das Krankenrevier richtete für die Polen sehr schnell eine illegale Ambulanz ein. Und Walter Krämer bearbeitete den Standortarzt der SS so lange, bis er aus Angst vor drohenden Seuchen das Zeltlager der polnischen Häftlinge auflöste.

Im Herbst 1941 trieb die SS etwa 2.000 sowjetische Kriegsgefangene ins KZ Buchenwald. Sie waren zerlumpt, ausgemergelt und in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Auch diesmal zeigte sich die internationale Solidarität stärker als die drohenden Strafen der SS: Viele Häftlinge gaben ihnen an Eßbarem, was sie erübrigen konnten. Für diese Hilfsaktion gingen drei Blockälteste "über den Bock", sie erhielten 25 Stockschläge. Das gesamte Lager wurde für einen Tag das Essen entzogen und das Lager der sowjetischen Kriegsgefangenen abgesperrt. Walter Krämer kümmerte das Verbot nicht. Zusammen mit anderen Sanitätern brachte er ihnen Medikamente und gab die Anweisung, in einer Krankenbaracke einen Saal zu räumen, um die schwersten Fälle unterbringen zu können.

Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß der Häftlingskrankenbau neben der medizinischen Betreuung auch eine enorme politische Bedeutung besaß: Hier trafen sich die 21 Mitglieder des illegalen internationalen antifaschistischen Lagerkomitees zu Beratungen. Dafür war unter der Baracke ein vor der SS geheim gehaltener Raum ausgebaut worden. Er blieb bis zur Selbstbefreiung des KZ Buchenwald durch die Häftlinge unentdeckt. Und Walter Krämer trug dafür die Verantwortung.

Der SS war dieser aufrechte, unerschrockene Kommunist schon lange ein Dorn im Auge. Walter Krämer kannte die Verbrechen, aber auch die Korruption der SS. Deshalb ermordete sie ihn am 6. November 1941 - aber nicht offen vor den Augen der anderen Häftlinge, sondern heimlich und hinterhältig im Außenlager Goslar. "Auf der Flucht erschossen", behauptete die SS.

So wollte sie seine Ehre und Autorität unter den Häftlingen noch im nachhinein schmälern. Doch dies gelang ihr nicht. Die menschliche Größe des einfachen Arbeiters Walter Krämer wuchs himmelhoch über die Stupidität der SS-Offiziere, SS-Ärzte und SS-Wachmannschaften hinaus, wie der Schriftsteller Bruno Apitz, selbst Häftling im KZ Buchenwald, viele Jahre später treffend feststellte. Im Sinne Walter Krämers kämpften andere weiter. Das internationale Bündnis des antifaschistischen Widerstands war nicht zu brechen, weder durch die faschistische Propaganda noch durch den Terror und gezielte Provokationen der SS.

Die politischen Häftlinge der Nazis verließen die Gefängnisse, Zuchthäuser und Konzentrationslager nicht mit leeren Händen. In Buchenwald formulierte das Volksfrontkomitee aus Vertretern des Zentrums, der SPD und der KPD als nächste Aufgaben: Säuberung der Polizei von Nazis, Verhaftung und Überwachung aller nazistischen Elemente, Beschlagnahme aller Nazivermögen und Nazibetriebe, Schaffung einer neuen demokratischen Ordnung gegen die Nazis sowie die Bildung einer republikanischen Volksregierung.

Auf dieser Basis sollte nicht nur das Nachkriegs-Deutschland, sondern nach 1945 auch ein Europa der arbeitenden Menschen aufgebaut werden. Mit diesem Vorsatz kehrten wir Häftlinge in unsere Heimat zurück und begannen mit der Reorganisation der Gewerkschaften und Arbeiterparteien. Die gemeinsamen Ziele waren klar formuliert:

  • Entnazifizierung und Entmilitarisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft;
  • Vereinigung der Arbeiterparteien als starkes Bollwerk gegen reaktionäre und restaurative Bestrebungen;
  • Bildung eines Friedensbündnisses aus Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und Parteilosen zur Verhinderung neuer Kriege.

Wir haben diese Ziele nicht oder nicht in vollem Umfang erreicht.

Das rächt sich bis heute, da Kriege offenbar wieder als legitime Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln erscheinen. Zwei Jahre nach dem Angriffskrieg gegen Jugoslawien ist Deutschland bereits wieder in kriegerische Handlungen gegen einen anderen Staat, diesmal Afghanistan, verwickelt. Dabei müßte doch jeder Politiker wissen, daß in einer Welt des Hungers, der Unterdrückung und der Ohnmacht weder Terror noch Gewalt mit militärischen Mitteln beseitigt werden können. Und hierzulande gerät in diesem jüngsten Krieg nicht nur die Wahrheit, sondern auch das Recht der freien Meinungsäußerung "unter die Räder".

Das zeigt sich hier in Siegen in dem intoleranten Vorgehen der Schulbehörden gegen den Lehrer Bernhard Nolz von der Bertha-von-Suttner-Schule. Er nahm das legendäre Wort der Namensgeberin der Schule: "Die Waffen nieder!", ernst, hat nach dem verbrecherischen Terroranschlag in New York und Washington zur friedlichen Konfliktlösung gemahnt, vor einem Krieg als Vergeltung gewarnt, zur Verteidigung des Friedens aufgerufen und die Einschaltung der UNO verlangt. Für diese Wahrnehmung des Rechts auf freie Meinungsäußerung wurde er vom Dienst suspendiert. In Kriegszeiten stirbt die Demokratie bekanntlich nicht schrittweise, sondern in großen Schüben.

Wer den Terror besiegen will, der braucht nicht Unschuldige und die Zivilbevölkerung in Afghanistan zu bombardieren. Der muß Hunger, Elend und Unterdrückung in der Welt beseitigen. Denn hierin liegen die Ursachen für den aufgestauten Zorn vieler Menschen in den unterentwickelten, armen Ländern. Jedes Fortsetzung der Bombenabwürfe verschlechtert nicht nur die aktuelle Lage der Bevölkerung Afghanistans, sondern auch die Ausgangsbedingungen für einen späteren Wiederaufbau.

So etwas dürfen wir nicht hinnehmen. Gegen die nationalen wie internationalen Kriegsbündnisse müssen wir aufstehen und zusammenhalten - auch wenn die Aussichten auf Erfolg gering erscheinen. Gegen diese "Mächte" müssen wir unsere "Waffen" schärfen und einsetzen, indem wir über politische Differenzen und Ländergrenzen hinweg ein starkes Bündnis für Frieden und internationale Solidarität schaffen.

Damit würdigen wir das Vermächtnis von Walter Krämer und anderer Opfer sowie der Überlebenden des antifaschistischen und antimilitaristischen Widerstands am besten. Denn der Kampf für deren Ziele ist noch nicht zu Ende. Das heißt, so lange nicht, wie Menschen bereit sind, aus der verhängnisvollen Geschichte ihrer Länder und den Fehlern fortschrittlicher Bewegungen zu lernen und für eine Welt ohne Ausbeutung, Unterdrückung, Rassismus und Krieg zu kämpfen.

Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.


DKP_Hameln@gmx.net
09.05.2005
"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an sie zu verändern." Karl Marx