Johann Schellheimer

Band 1
Ausgabe 1
08.05.1945


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Johann Schellheimer
Kommunistischer Widerstandskämpfer in Magdeburg-Stadtfeld

Johann Schellheimer (auch bekannt unter seinem Rufnamen Hans) wurde am 18.2.1899 als Sohn eines Holzfällers in Höchst in der Nähe von Frankfurt/ Main geboren. Dort besuchte er die Schule und erlernte den Beruf eines Drehers. Noch während seiner Lehre wurde er zum Militär eingezogen und musste im Schützengraben des ersten Weltkrieges für Kaiser und Vaterland kämpfen. Nach seiner Entlassung aus der französischen Kriegsgefangenschaft 1920 ging er nach Berlin, wo er kurze Zeit als Hilfskraft im Virchow-Krankenhaus arbeitete.
In der Hoffnungslosigkeit der Nachkriegszeit meldete er sich als Freiwilliger zur französischen Fremdenlegion, von der er jedoch auch bald wieder desertierte. Während seiner Flucht arbeitete er zeitweise in einer Theatergruppe in der Türkei mit. Wieder in Berlin, schlug er sich als Bühnenstatist und Provisionsvertreter durch. Dort kam er auch zum ersten mal mit KPD-Genossen in Kontakt.
1931 zog er nach Magdeburg, wo er im Stadtteil Wilhelmsstadt (dem heutigen Stadtfeld) in der Erwerbslosenbewegung aktiv war. Kurz vor der Machtübernahme durch die Nazis – im Januar 1933 – wurde er Organisationsleiter der KPD-Stadtteilgruppe Wilhelmstadt. Schon am 10. März 1933 wurde er in „Schutzhaft” genommen, aus der er Ende Mai wieder entlassen wurde. Anschließend nahm er am Widerstandskampf der KPD gegen die Nazis teil. Als Kurier der illegalen Bezirksleitung Magdeburg-Anhalt wurde er im November 1933 in Erfurt erneut verhaftet und 6 Monate im KZ Esterwegen gefangengehalten. 1934 wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Hameln absitzen musste.
Nach seiner Entlassung arbeitete er als Tiefbauer, Dreher und Lagerverwalter in einer Reihe Magdeburger Betriebe, so in der Nähmaschinenfabrik Singer, in der Baustofffirma Mackensen (später VEB „7. Oktober”) und bei „Hubbe und Fahrenholz” (später VEB Öl- und Fettwerke „Hans Schellheimer”). In dieser Zeit organisierte er u.a. Hilfe für gefangene Genossen. Zusammen mit seiner Frau Clare gelingt es ihm, eine Widerstandsgruppe aufzubauen. Regelmässig kommt es zu Treffen mit anderen aktiven Genossen, wie z.B. Hermann Danz und Martin Schwantes.
Vorzugsweise treffen sie sich an unauffälligen Stellen am Stadtrand – im Biederitzer Busch, an der Ehle...

Am 9. Juli 1944 wurde Schellheimer im Rahmen einer Gestapo-Aktion gegen den Widerstand in Magdeburg zusammen mit 27 anderen Kämpfern verhaftet. Nach intensiven und brutalen Verhören wird er am 1. November 1944 zusammen mit Hermann Danz, Fritz Rödel und Martin Schwantes vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. In der Begründung heisst es, dass er sich „im fünften Kriegsjahr um den Aufbau einer kommunistischen Umsturzaktion bemüht” habe.

Am 5. Februar 1945 – nur knapp 3 Monate vor der endgültigen Niederlage Nazideutschlands – wurde er im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Seine Henker hielten im Protokoll fest: „Die Haltung des Verurteilten war ruhig. Er wurde ohne Widerstreben auf die Richtbank gelegt. Alsbald wurde der Kopf durch das Fallbeil vom Rumpfe getrennt. (...) Um 14 Uhr 9 Minuten 3 Sekunden war die Vollstreckungshandlung beendet.”
(Siehe auch die Abbildung)
In Magdeburg wurde zu DDR-Zeiten eine Schule in Brückfeld nach Schellheimer benannt. Dort wurde im Februar
1989 auch eine Gedenktafel angebracht. (Existiert die eigentlich noch?) In Stadtfeld ist auch heute noch der wohl bekanntest Platz nach ihm benannt.



Mein liebes, gutes Clärchen!
Das sind endgültig meine letzten Zeilen an Dich. Es ist ungefähr 12 Uhr und mir ist soeben eröffnet worden, daß um 14 Uhr das Urteil vollstreckt wird. Kann Dir gar nicht schreiben, wie ruhig und gefaßt ich bin. Bedaure nur, daß ich vor meiner letzten Fahrt in unbekanntes Land von Dir keinen persönlichen Abschied nehmen kann. Aber es ist vielleicht besser so für Dich.
So genau ich weiß, wie ich Dir im Leben fehle, ebenso genau weiß ich auch, daß Du jetzt, wo ich nicht mehr bin, dem Leben tapfer entgegentreten wirst und alle Aufgaben, die es stellt, so erledigst, daß ich Dir stets meine Anerkennung ausgesprochen hätte. Mein Leben war kurz, aber ereignisreich. Den größten Teil habe ich mit Dir verlebt und es sind die allerschönsten Tage meines Lebens gewesen, für die ich Dir bis zur letzten Minute noch dankbar bin, und somit auch mein letzter Gedanke Dir, meinem guten Kameraden, gilt. Alles kann man und nimmt man mir heute, doch die 12 Jahre großer, edler, reiner Kameradschaft kann man mir nicht nehmen. So gern ich bei Dir geblieben wäre, gute, liebe Cläre, doch der Wagen rollt. Und Du sollst und darfst noch nicht mitfahren. Den beschwerlichen Weg hast Du noch vor Dir, doch Du legst ihn tapfer, in aufrechter Haltung zurück, des bin ich gewiß. Auch wirst Du nochmals einen guten Partner finden, das ist mein sehnlichster Wunsch. Gedanken an mich dürfen kein Hinderungsgrund sein. Bewahre mir bei Evelyne, für die ich so viel tun wollte, ein gutes Andenken. Ich bedaure, daß ich von Euch beiden scheiden muß. Ihr wart mein ein und alles. In der Fessel kann ich so schlecht schreiben, auch ist die Zeit so knapp. Eben bekam ich sogar noch mal 2 Zigaretten, und die schmecken ausgezeichnet. Testament habe ich nicht gemacht. Was an Werten vorhanden ist, gehört selbstverständlich Dir, wie Du darüber verfügst, ist es richtig. Grüße alle aufs beste von mir und lebe wohl.

Dein Kamerad Hans

Quelle:
Beiträge zur Geschichte der Stadt und des Bezirkes Magdeburg Nr. 12: “In unverbrüchlicher Treue zur Sache der
Arbeiterklasse”, Magdeburg 1980 Johann Schellheimer (1899-1945)


Wer Quellen (Broschüren, Zeitungsausschnitte, ZeitzeugInnen) zur Geschichte widerspenstiger Gruppen und Menschen in Magdeburg und Sachsen-Anhalt kennt - wir sind für jeden Hinweis dankbar.
Selbstverständlich könnt ihr auch selbst in die Tasten hauen und von Menschen aus eurer Umgebung berichten, die den Herrschenden in irgendeiner Form in die Suppe gespuckt - und dabei nicht nur an ihr eigenes Fortkommen im Blick gehabt - haben.

 

 

 


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09.05.2005
"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an sie zu verändern." Karl Marx