Otto Tölle

Band 1
Ausgabe 1
08.05.1945


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Geschichte der KPD in Hameln

Carl Hölscher
Otto Tölle
Albert SohrKommunisten im Zuchthaus Hameln

Der RFB

Geschichte der DKP Gruppe Hameln

Aktuelles
Neue Hamelner Volksstimme

Der "Moorsoldat" Otto Toelle aus Aerzen

 Fast 60 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus treffen sich in Hameln ,,Ritterkreuzträger" zu einer Tagung. Der Landrat Heißmeier (SPD!) entbietet ein Grußwort an die "tapferen deutschen Soldaten" und will mit einem Redebeitrag an der Veranstaltung teilnehmen. Erst nach Intervention der SPD-Kreistagsfraktion und überregionaler Kritik in verschiedenen Medien entschließt sich Heißmeier zum Verzicht.

Dabei handelt es sich nur um ein Beispiel der Relativierung der Schuld der Nazitäter.

 

Auf der anderen Seite wird das Leid der Opfer, der passive und aktive Widerstand (insbesondere von kommunistischer Seite) beharrlich herunter gespielt und zum Teil verschwiegen.

 

Nach Carl Hölscher soll hier dem Kommunisten Otto Toelle in Ehren gedacht werden. Der Beitrag bezieht sich auf ein Interview aus dem Jahre 1979.

 

Otto Toelle wurde als Sohn eines Ziegeleiarbeiters 1905 in Kaltenkirchen in Holstein geboren. Nach einer Tischlerlehre von 1920 bis 1923 in Ohlstedt war er zunächst arbeitslos. 1924 vermittelte ihm sein Bruder August eine Arbeit in Aerzen. Otto Toelle lebte bis zu seinem Tode in Aerzen.

 

1930 trat er der KPD bei. Nach dem Reichstagsbrand wurde er am 28.3.1933 mit mehreren Genossen im Hamelner Gefängnis in "Schutzhaft" genommen und am 20.4.1933 im Arbeitslager Moringen interniert- anschließend im KZ Esterwegen. Weihnachten 1933 wurde er nach Hause entlassen.

 

Moringen- Hungerstreik

 "Moringen war halb Arbeitshaus und halb KZ mit Stacheldraht herum. Ich habe Körbe gemacht weil ich das gut konnte. Eine Kolonne mit Ernst Weber ging zum Steinbruch. Die haben zuerst die Arbeit hingeschmissen wegen dem Unrecht. Ein Ladhoftbruder und Ernst Ehlers waren beim Hungerstreik dabei und ich habe auch 16 Tage mitgehungert. Danach kamen Leute aus Göttingen und haben die Geschwächten gefüttert mit einem Schlauch. Die Meisten haben es wieder ausgebrochen. Zur Strafe für den Hungerstreik kamen wir nach Esterwegen. Wir wurden dort die „Hungerkünstler" genannt."

 

Esterwegen- Befehlsverweigerung

 "Vor allem die jungen Gefangenen kamen nach Esterwegen, weil sie schwer arbeiten sollten. Das wussten wir nicht. Alles schwere Moorarbeiten mit Sumpf und Wasser. Die SS-Männer machten 11 Schritte, das waren etwa 13 Meter. Wir mussten jeder diesen Graben 1,10 Meter tief mit dem Moorspaten ausheben. Was rausgeschmissen war, musste dann wieder ins Land einplaniert werden. Das musste Jeder am Tag schaffen und nur ein Essen am Tag. Wir haben nur kalten schwarzen Kaffee und Oldenburger Kohl mit Kartoffeln gekriegt. Einmal war August Baumgarte (aus Hannover) noch nicht ganz fertig und wir halfen ihm. Die SS verhöhnte ihn und sie riefen: "Deine Kameraden müssen für dich mitarbeiten... !" Es geschah ihm noch ein Missgeschick. Beim Wegschmeißen von dem Moorspaten traf er einem Schneidermeister in die Hand und das blutete stark. Der SS-Mann schrie zu mir: " Tritt ihn in den Arsch!" Ich sprang von einem Graben zum anderen. damit der SS-Mann mich nicht schnappte. weil ich seinen Befehl verweigert hatte."

 

Esterwegen- "Hoch Deutschland..."

 " Wenn wir das ,,Moorsoldatenlied" gesungen haben, war sogar die SS ganz still.

Im November haben einige mal in den Reif an die Fenster Hammer und Sichel gekratzt während wir schliefen. Ich schlief oben im 3. Stock der Holzbetten ohne Fußbrett. Die Füße hingen darüber. Ich glaube, die SS wollte eine Handhabe gegen uns haben und sie haben von außen Hammer und Sichel eingekratzt. Den ganzen Sonntag bei leichtem Schnee mussten wir unsere Betten rausmontieren und auf dem gepflügten Land aufbauen. Immer wieder rein und raus bis zum Abend ohne Essen und dann um 9 Uhr abends antreten. Eine große Anrede wurde an uns gemacht- was wir alles verbrochen hätten. Nur die, die über 70 Jahre alt waren und den Verdienstorden aus dem 1. Weltkrieg hatten, durften raustreten. Die anderen mussten strafexerzieren. Sie haben uns gejagt bis etwa um 10 Uhr und uns dann vor der SS antreten lassen. Wir mussten uns hinlegen und sie haben auf uns getrampelt und sogar auf den Kopf getreten. Als sie dachten, sie hätten uns "gar", sollten wir ein echt patriotisches Lied singen. Keiner fing an zu singen. Dann fing die SS an zu singen: "Hoch Deutschland, hoch in Ehren...". Bald sang auch nur noch die Hälfte der SS. Doch an der Stelle sangen wir laut mit :" Haltet aus! Lasset hoch das Banner wehn! Zeig es ihnen...". Da haben welche von uns gesungen:" Zeig es den Faschisten!" Und nun ging die Schlägerei los auf uns drauf. So haben sie sich aber doch noch blamiert und geschrien: "Lied aus!".

 

Esterwegen- z. b. V.

 "Wir mussten im Laufschritt Meldung machen und strammstehen. Heinrich Reese haben sie dort besonders fertig gemacht. Ich sagte zu ihm: "Heinrich, reiß dich zusammen! Wenn du auffällst kriegst du die Armbinde ZBV." Das heißt: "Zur besonderen Verwendung. Die lebten dann keine 8 Tage mehr und wurden erschossen."

 

Esterwegen- Arrest

 " Ich war mit August Baumgarte noch 3 Tage im Arrest. Wir haben eine Lore aufgehalten, weil jemand ,,Halt!" gerufen hatte. Da hieß es, wir wollten wieder meutern. 9 Mann bei der Lore wurden aufgeschrieben und wir gingen 3 Tage in Arrest. Wir Neun wurden in eine schäbige Holzbaracke reingejagt, alles nass und feucht. Dort war Einer aufgehängt und im Dunklen ist Einer von uns gegen ihn gelaufen. Alle halbe Stunde mussten wir raus auf einen Flur und wir wurden befragt : " Wer hat ,Halt' gesagt? Ihr seid alle Meuterer. Ihr seid selber schuld." Dabei wurden wir geschlagen und wir mussten Kniebeugen machen. So ging das die ganze Nacht. Schlaf hast du nicht gehabt, drei Tage lang."

 

Kein Vergeben! Kein Vergessen!

 

Wer mehr über die Moor-KZs wissen möchte, lese bitte das Buch: Wolfgang Langhoff, Die Moorsoldaten- 13 Monate Konzentrationslager

 

 


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11.05.2005
"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an sie zu verändern." Karl Marx